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Workshop für Eltern spracherwerbsgestörter Kinder –ein Beispiel für Erziehungspartnerschaft im Schulkindergarten

Jeder der mit entwicklungsverzögerten und behinderten Kindern arbeitet kennt den hohen Stellenwert der Zusammenarbeit mit den Eltern. Entsprechend breit gefächert sind die Angebote der Einrichtungen: regelmäßige Entwicklungsgespräche, themenbezogene Elternabende, gemeinsame Aktivitäten von Kindern und Eltern, Hospitationen in der Gruppe, Feste und Feiern.

In der Literatur sind im Rahmen der Sprachbehindertenpädagogik verschiedene Konzepte, die auf eine weiterführende Elternaktivierung abzielen, beschrieben und evaluiert ( Motsch, Ritterfeld, Girolametto). Aber trotzdem scheitert deren Umsetzung häufig an mangelnden zeitlichen Ressourcen, an der Unsicherheit im Umgang mit Eltern und auch an der Meinung der Praktiker, nicht ausreichend für Beratungsaufgaben ausgebildet zu sein.

  • Was bleibt, ist bei den professionellen Erziehern das Bedürfnis, Eltern mehr in die Arbeit einzubeziehen und deren natürliche Fähigkeiten zu stärken, um Alltagssituationen sprach- und beziehungsfördernd zu gestalten.
  • Was bleibt, ist bei den Eltern das Bedürfnis nach mehr Sicherheit im Umgang mit ihrem spracherwerbsgestörten Kind, nach Entlastung von Schuldgefühlen, mehr Information und nach methodischen Hilfen zur Sprachförderung im häuslichen Umfeld.

Um diesen Bedürfnissen zu entsprechen, wurde im Schulkindergarten des Hör-Sprachzentrums Heidelberg-Neckargemünd ein Gruppenkonzept  in Form eines Elternworkshops entwickelt.

Theoretische Grundlagen hierfür bilden die Arbeiten von Motsch, Ritterfeld  und Grimm.

Aus diesen geht hervor,

  • dass der Spracherwerb neben den perzeptiven, kognitiven und sprachverarbeitenden Fähigkeiten wesentlich von der Qualität der Eltern-Kind-Interaktion
    beeinflusst wird,
  • dass Eltern in der Regel über „intuitive Sprachlehrstrategien“ verfügen, also ein natürliches Gefühl für sprachfördernde Verhaltensweisen haben und diese in Alltagssituationen spontan einsetzen. So achten Eltern intuitiv darauf, dass z. B. die Äußerungen dem Entwicklungsstand des Kindes entsprechen, eine direkte Zugewandtheit hergestellt wird, Mimik, Gestik, Prosodie angemessen eingesetzt werden und dass die kindlichen Äußerungen wiederholend, erweiternd und fragend aufgegriffen werden,
  • dass aber Eltern spracherwerbsgestörter Kinder aufgrund der ausbleibenden Reaktionen zutiefst verunsichert und nicht mehr in der Lage sind, gerade die für diese Kinder so wichtigen Anregungen einzusetzen. Folge hiervon ist, dass die Interaktion mit dem Kind insgesamt abnimmt, dass es eher zu kritisierenden Verbesserungen und häufigeren Unterbrechungen kommt oder dass auf die kindlichen Bedürfnisse auch ohne Sprache eingegangen wird,
  • dass Kinder mit Spracherwerbstörungen nicht nur eine angemessene Vereinfachung der Sprache, sondern eine besonders intensive, klar strukturierte sprachfördernde Kommunikation benötigen.

 

Diese Verhaltensweisen gehören zwar zum fachlichen Repertoire von Lehrern, Therapeuten und professionellen Erziehern, jedoch sind aber nicht diese, sondern die Eltern die primären Kommunikationspartner des Kindes.

Gerade deshalb sollte die therapeutische Arbeit sich nicht ausschließlich auf das Kind beziehen, sondern die Rolle der Eltern und deren Kompetenzen weitaus stärker berücksichtigen, - nicht im Sinne einer Anleitung zu Ko-Therapeuten, sondern in einer echten Erziehungspartnerschaft, in der die Eltern als Experten für ihr Kind anerkannt werden.

Aus diesen Überlegungen entwickelte sich der Gedanke, die für die Eltern wichtigen Themen im Rahmen eines Workshops zu erarbeiten.

Die Eltern sollen so unterstützt werden, dass es ihnen gelingt, ihre natürlichen sprachfördernden Fähigkeiten einzusetzen und dabei alltägliche Situationen und spontane Spiel- und Gesprächsanlässe zu nutzen.

Neben der Interaktionsschulung sollen aber auch vertiefte Informationen zum Thema Spracherwerb vermittelt werden.

Der intensive Austausch unter den Eltern soll zur Entlastung und zum Verarbeiten von Schuldgefühlen und Versagensängsten beitragen.

Der Begriff „Workshop“ macht deutlich, dass die Themen handlungsorientiert mit zahlreichen Angeboten zur Selbsterfahrung und Erprobung sprachfördernder Verhaltensweisen erarbeitet werden.

Inhaltliche Schwerpunkte stellen die Bereiche Information/Wissenserweiterung, Einsatz von Methoden der Sprachförderung und Kommunikation dar.

Der Workshop wird als in sich geschlossene Veranstaltungsreihe von 6 Abenden in einer konstant bleibenden Gruppe von höchstens 14 Teilnehmern unter der Leitung von Mitarbeiterinnen des Schulkindergartens (Tandem von  Sonderschullehrerin und Erzieherin/ Sozialpädagogin) durchgeführt.

Die Abende laufen nach einer einheitlichen Struktur ab, dem Bedürfnis der Teilnehmer nach Eigenaktivität  wird so weit wie möglich entsprochen.

Eine Aufwärmphase soll das Ankommen und das Sich-Einlassen auf die neuen Inhalte erleichtern. Dem folgt stets ein Angebot zum Erfahrungsaustausch z.B. über gezielte Beobachtungen, Reflexionen zum vergangenen Abend oder die Umsetzung von Anregungen.

Im Informationsteil werden kurze Statements zum Thema des Abends gegeben, die wesentlichen Inhalte aber werden gemeinsam erarbeitet.

Es folgt eine Erprobungsphase, in der die gewonnenen Erkenntnisse praktisch, d.h. häufig in verschiedenen Formen von Rollenspielen umgesetzt und erfahren werden.

Der Abschluss des Abends erfolgt durch die Erläuterung von „Hausaufgaben“, eine anregende Spielsituation oder einen stimmungsvollen Ausklang durch einen Text oder durch ein Lied.

Als Dokumentation der erarbeiteten Inhalte wurde das lebensgroße Holzpuzzle „unser Kind“ entworfen und handwerklich hergestellt. Die Puzzleteile sind mit den Schlüsselbegriffen der jeweiligen Themen beschriftet und am Ende jedes Abends werden die entsprechenden Teile eingesetzt bis am Ende „unser Kind“ ganz erarbeitet ist.

Dazu erhalten die Eltern eine Informationsmappe, in die nach jedem Abend Arbeitsmaterialien, Zusammenfassungen der Themenbereiche, Anregungen und Spielideen eingeheftet werden.

1. Abend:

Ziel des ersten Abends ist, Sprache und Spracherwerb in einem umfassenderen Kontext zu sehen. Es soll deutlich werden, dass Sprache eine höchst komplexe Leistung ist, die ganzheitlich erworben wird, zu deren Entwicklung die Vernetzung der Basisfunktionen notwendig ist.  Diese Basisfunktionen werden unter den Begriffen Hören, Sehen, Tasten, Bewegung, geistige Entwicklung, Persönlichkeits-entwicklung und Vernetzung der Wahrnehmung erarbeitet.Dazu werden spielerische Zugänge in Form von Förderangeboten gewählt und erprobt, so dass die Eltern am ersten Abend viele praktische Anregungen und Spielideen mit nach Hause nehmen können.

2. Abend

Am zweiten Abend sollen bereits Aspekte der Kommunikation angesprochen werden. Als Leitsatz bei der Erarbeitung der sprachfördernden Grundhaltung gilt „Sprache wird in der Beziehung erworben“, oder – wie es Martin Buber ausdrückte – „der Mensch wird am Du zum Ich“. Wirklich erfahrbar wird die Bedeutung der Grund-haltung aber durch zwei kontrastierende Rollenspiele, anhand deren die Wirkung von kommunikationsfördernden, ermutigenden, aber auch von kommunikationshemmen-den oder abwertenden Verhaltensweisen im Gespräch erarbeitet werden.

Anschließend können im Partnerrollenspiel diese Prozesse nachvollzogen und intensiv erlebt werden. Als Schlüsselbegriffe werden die Puzzleteile Blickkontakt, Gehör finden, Aussprechen dürfen und Liebe, Wärme, Akzeptanz eingesetzt.

3. Abend

 Thema des dritten Abends ist die Erarbeitung der Methode der verbesserten Rückmeldung als Möglichkeit, dem Kind konkret bei Sprachproblemen zu helfen.

Dazu ist es jedoch nötig, in einem Informationsteil die wesentlichen Bereiche der Sprache (Grammatik, Lautbildung, Wortschatz, Sprachverständnis) sowie die wichtigen Störungen des Sprechens und der Sprache darzustellen. Durch vor-bereitete Tonaufnahmen gelingt es den Eltern, die verschiedenen Störungsbereiche zu erkennen und zuzuordnen. Sie sollen in der Lage sein, die Sprechweise des eigenen Kindes möglichst genau zu beschreiben und anhand von „typischen Sätzen“ mögliche Antworten nach der Methode der verbesserten Rückmeldung zu erarbeiten.

Auch hier sind wieder Rollenspielsituationen in der Erprobungsphase  besonders aktivierend, anschaulich und hilfreich.

Das Puzzlekind erhält an diesem Abend folgerichtig die Teile Grammatik, Artikulation, Wortschatz, Sprachverständnis und Sprachvorbild haben.

4. Abend

Am vierten Abend sollen die Eltern die Bedeutung des Handlungsbezugs erarbeiten. Dabei  wird deutlich, dass das gemeinsame Tun nicht nur „Türöffner“ für das Ge-spräch ist – vielmehr sind in der konkreten Handlungssituation bereits Gesprächs-rahmen und Inhalt festgelegt.

Dadurch ist eine Strukturierung vorgegeben, das Wechselseitige in der Kommunikation kommt leichter in Gang, das Sprechen ist nicht losgelöst vom handelnden Tun und die Gefahr von Missverständnissen ist durch die Anschau-lichkeit herabgesetzt.

Anhand von Filmaufnahmen werden diese Aspekte nachvollziehbar und die Eltern erkennen den sprachanregenden Wert von Alltagssituationen.

In diesem Zusammenhang wird auch die Bedeutung von Fragen und Fragestrategien erarbeitet. Dabei wird unterschieden zwischen kommunikationsfördernden (wie W-Fragen, Alternativfragen, Rückfragen, Fragen, die eine Erklärung erfordern) und  hemmenden Fragen (wie Ja/Nein-Fragen oder Quizfragen).

„Unser Kind“ wird durch das Puzzleteil „Sprechfreude“ bereichert.

5. Abend

Ziel des fünften Abends ist es, die Bedeutung der Beziehungsebene als bestimmenden Faktor eines jeden Gesprächs bewusst zu machen und zu reflektieren.

Die Eltern sollen erkennen, dass es nicht genügt, Techniken wie die verbesserte Rückmeldung und die Handlungsorientierung anzuwenden, sondern dass ein echtes Einfühlen in die kindlichen Bedürfnisse und Probleme eine wesentliche Voraussetzung für eine gute Kommunikation darstellt.

Als hilfreiche Methode wird das aktive Zuhören erarbeitet. Es stellt eine Hilfe dar,     Probleme des Kindes zu erkennen und so auszudrücken, dass das Kind sich verstanden fühlt.  In Partnerrollenspielen wird diese Methode umgesetzt und erprobt. Dabei werden nur die kindlichen Äußerungen vorgegeben. Die Antworten, die aktives Zuhören zum Ausdruck bringen sollen, müssen von den Eltern selbst formuliert werden.

Am Ende des Abends kann das Teil „Sprache anregen“  in das Puzzlekind eingesetzt werden.

6. Abend

Am sechsten Abend sollen die oft so belastenden Erziehungsprobleme im Mittelpunkt stehen. Die Eltern beschäftigen sich mit dem Thema „Kommunikation in Konfliktsituationen“. Damit sind besonders solche Situationen gemeint, in denen die Eltern ein Problem mit dem Kind haben und zu Grenzsetzungen und erzieherischen Interventionen herausgefordert sind.

Als hilfreiche Methode zur Konfliktlösung lernen die Eltern die Wirkung von „Ich-Botschaften“ kennen. Die drei Teile der Ich-Botschaft: „Formulieren des Gefühls“

(z.B. ich ärgere mich),  „Beschreibung des Verhaltens“ (wenn du so trödelst), „Begründung“ (weil wir den Bus verpassen) werden erarbeitet. In simulierten alltäglichen Konfliktsituationen werden Ich-Botschaften formuliert. Die Eltern nutzen die Gelegenheit, die zunächst ungewohnte Methode zu erproben und die Wirkungen zu reflektieren.

An diesem Abend kann das letzte Puzzleteil „Kommunikation“ eingefügt werden – das Puzzlekind ist nun vollständig erarbeitet.

In einem Fragebogen sollen die Eltern abschließend den Workshop bewerten. Fasst man die Ergebnisse der  drei bis jetzt durchgeführten Workshops zusammen, dann zeigt sich,

  • dass  die Informationen zum Thema Spracherwerb, die Vermittlung von Methoden zur Sprachförderung und die vertiefte Beschäftigung mit dem Thema Kommunikation in gleicher Weise von Bedeutung sind,
  • dass die Eltern hoch motiviert sind, die gewonnen Kenntnisse und Erfahrungen im häuslichen Umfeld umzusetzen,
  • dass die Beziehung zum Kind entspannter wahrgenommen wird,
  • dass der Austausch in der Elterngruppe als besonders hilfreich und entlastend erlebt wird.

Diese Bewertung macht deutlich, dass die Gruppenarbeit mit Eltern einen wichtigen Baustein der Erziehungspartnerschaft – in diesem Fall im Schulkindergarten – darstellt und als regelmäßiges Angebot in die Konzeption aufgenommen werden sollte.

Dabei sollte der Elternworkshop keinesfalls als zeitsparender Ersatz für die individuelle Zusammenarbeit mit Eltern dienen. Vielmehr ist es die Kombination von Gruppenarbeit und individueller Zusammenarbeit, die sich als besonders effektiv erwiesen hat und die den Bedürfnissen der Eltern bezüglich Beratung, Unterstützung, Austausch, Selbsterfahrung und Information am besten entsprechen kann.

Literatur:

Girolametto, L.E. Greenberg, j., Manolson, A.H. (1986): Developing Dialog Skills. The Hanen Early Language Parent Programm. Seminars in Speech and Language, Vol. 7/4.

Grimm, H. (1995): Mother-child dialogues: A comparison of prescool children with and without specific language impairment. In: I. Markova, C. Graumann, K. Foppa (Eds): Mutualities in dialogue (217-238), Cambridge: Cambridge University Press.

Motsch, H.J. (1991): Verbale Eltern-Kind-Interaktionen und kindliche Wortschatzerweiterung. Ansätze zur Zusammenarbeit von Eltern und Therapeuten. In: M. Grohnfeldt (Hrsg.): Handbuch der Sprachtherapie Bd. 3 (129-145), Berlin: Edition Marhold.

Ritterfeld, U. (1999): Pragmatische Elternpartizipation in der Behandlung dysphasischer Kinder. Sprache, Stimme, Gehör 23 192-197

Ritterfeld, U. (2000): Zur Prävention bei Verdacht auf eine Spracherwerbsstörung: Argumente für eine gezielte Interaktionsschulung der Eltern. Frühförderung interdisziplinär 19, 80-87.